Meine Kreativität kommt, wenn sie will
Essay - Annette Kunow 2026
Miss Marple im gelben Kleid 2013 - H354 (gestohlen in einer Ausstellung 2019 in Aachen)
Menschen fragen mich oft, wie meine Kreativität funktioniert.
Ehrlich gesagt:
Ich weiß es bis heute nicht genau.
Erst als ich das Buch Am kreativsten bin ich, wenn ich bügle las, begann ich darüber nachzudenken, was meine Kreativität eigentlich hervorlockt.
Meine Kreativität ist nicht teilbar
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Kreativität nicht teilbar ist.
Wenn ich ein Buch schreibe oder einen Kurs aufstelle, erfordert diese Arbeit meine volle Aufmerksamkeit. Tag und Nacht!
Ja, besonders nachts habe ich die besten Einfälle.
Dann ist mein Unterbewusstsein an der Arbeit und vernetzt die noch fehlenden Stränge in meinem Hirn.
Mitten in der Nacht wache ich dann auf und habe DEN Einfall oder DIE richtige Reihenfolge. Manchmal auch erst in der Alpha-Phase kurz vor dem Aufwachen, wenn mich der Wecker nicht schon um 6:00 zur Arbeit befiehlt.
Aber wie bekomme ich meine Kreativität überhaupt zum Arbeiten?
Disziplin?
Es wird ja immer wieder gesagt, für Kreativität ist Disziplin nötig.
Ja, im Buch „Am kreativsten bin ich, wenn ich bügle.“ sieht es so aus, dass viele dieser Künstler und Kreative äußert diszipliniert sind.
Ja, ich kenne sogar Künstler, die machen um 17:00 Feierabend.
Ich bewundere sie dafür.
Allerdings wäre für mich diese Vorstellung ein Graus, mich ins Atelier zu setzen und stundenlang drauf zu warten, bis die Kreativität kommt. Das würde für mich nicht funktionieren.
Da habe ich das Gefühl, die Kreativität sagt dann bockig: „Jetzt erst recht nicht!“
Bei mir kann sie auch plötzlich abends während des Krimis auftauchen. Dann wird das Wohnzimmer umfunktioniert.
Rituale
Rituale eignen sich sehr gut, sich auf eine Situation einzustimmen.
Bei mir ist es die Geschichte mit dem Tee und der Musik.
Ich koche mir eine Kanne Grünen Tees und suche mir einen meiner Lieblingssongs aus. Manchmal zünde ich auch eine Kerze oder ein Räucherstäbchen (Rose) an.
Ohne Tee geht gar nichts. Auf die anderen Dinge kann ich zur Not verzichten.
Mit dieser Methode stimme ich mich auf das Neue ein.
Dennoch kann es sein, dass nichts passiert. Dann gehe ich eben wieder.
Routinen
Trotzdem sind es Routinen, mit denen ich mich in meine Kreativität bringe.
Egal, was ich machen will.
Häufig muss ich erst einmal aufräumen, besonders wenn ich lange nicht im Atelier gearbeitet habe. Ich brauche einen klaren, sauberen Raum. Alles, was nicht zur neuen Aufgabe gehört, wird weggeräumt oder weggeworfen. 😊 (Bei mir nie!)
Bevor ich male, rühre ich die Farben an.
Nicht weil sie es brauchen.
Die Auswahl der Pigmente versetzt mich in eine gute Stimmung.
Was könnte ich daraus machen?
Welche Farbe ist heute mein Favorit?
Ein neues Pigment ist immer eine Verheißung.
Oder ich schneide einfach mal Formen aus der VOGUE aus. Vielleicht brauche ich sie später.
Wenn ich zu einem Thema schreiben will, sammle ich ständig Stichworte, um dann schon einmal die Grundlage - ein Fundament - zu haben.
Wer auf dem Riesen sitzt, kann getrost in die Weite blicken.
Materialien im Atelier
Material
Ja, ich horte Material. Ich kann fast alles gebrauchen.
Anselm Kiefer hat sogar große Lager, die er mit dem Fahrrad befährt. So weit ist es lange nicht bei mir. 😊
In meinen Sammelkästen werden Zeitungsausschnitte, alte Zeichnungen oder Mischtechniken gesammelt die nicht das Klassen-Ziel erreichten. Aber manchmal auch Trockenblumen oder Fliesenreste, die mit gefielen.
Ich ordne nichts, weil ja gerade das Unverhoffte mich inspiriert. Dabei kommt das eine zum anderen, das von vornherein nichts miteinander zu tun hat.
Es kann ein Zeitungsartikel sein oder ein Foto oder eine nicht fertiggestellte Zeichnung, etc., die mich plötzlich inspirieren.
So langsam groove ich mich in dieses Tun ein. Dann verliere ich Zeit und Raum.
Das ist die beste Zeit: der Flow.
Der Zustand, in dem ich vollkommen in eine Tätigkeit versunken bin.
Wie unseren Kindheitstagen: Die Sommertage waren groß und weit und unendlich!
Wenn es dann läuft, fallen die Ideen zusammen und verknüpfen sich wie von selbst.
So entstanden auch meine Enkaustik-Bilder.
Ich tanze aus der Reihe 2008 - L046
Es gab drei unterschiedliche Stränge, die sich dann wie von selbst zusammenfügten.
- Ich sah irgendwann in einer Ausstellung Enkaustik-Arbeiten und mochte die Haptik. Das wollte ich auch machen. Also bestellte ich Paraffinwachs.
- Zahlreiche kleinformatige Leinwände blieben von einem Kauf übrig, wo mich nur die Holzfiguren interessierten. Sie waren eigentlich lästig, weil sie immer wieder am falschen Platz standen.
- Ich hatte viele kleinformatige Arbeiten wie Postkarten, die sich in meinem Zeichenschrank stapelten.
Dann kam mir plötzlich die Idee, das alles miteinander zu verbinden.
Es entstand gleich eine ganze Serie!
Wichtig ist, dass es in Bezug auf die Kreativität keinen Druck geben darf. Meist sind das die interessantesten Arbeiten, die per Zufall auf einer Rückseite einer Werbeanzeige entstehen, die nur mal so gescribbelt werden und die keinen Zweck erfüllen sollen.
Ein eigener Ort, um kreativ zu werden
Viele Kreative schaffen sich einen Ort, an dem sie leichter arbeiten können.
Für mich ist das mein Atelier.
Ich habe mein Atelier, allerdings sitze ich auch gerne im Wohnzimmer und habe mein Zeug um mich versammelt. Oder im Sommer im Garten.
Malen i Garten 2011 (mit Pauline)
Kreativität braucht Freiheit
Deshalb gibt es in Malkursen diese Aufwärmübungen, die möglichst unperfekt sind.
Ein Zeichenpapier oder die Malunterlage wird in vier Teile aufgeteilt. Innerhalb der nächsten 4 x 10 Minuten werden nun Skizzen angefertigt. Kurz und knackig und unperfekt ist die Devise.
Deshalb verwende ich so ungern die fertigen Leinwände. Wenn, dann ziehe ich die Leinwände selbst auf und grundiere auch selbst. Auch das ist eine Arbeitsvorbereitung und eine Art meditative Vorbereitung. Und ich kenne dann die Qualität der Leinwände!
Lockerungsübungen wie sie auch für Sprecher, Sänger normal sind. Warum nicht auch für Maler?
Glücksinseln
Häufig erzählen Menschen, dass sie bei einem völlig anderen Tun, plötzlich von einem Einfall, einer neuen Idee regelrecht überwältigt wurden. Dass ihnen plötzlich der gesamte Zusammenhang klar wurde, dass es plötzlich alles passte.
Das sind Glücksmomente! Ich nenne es Glücksinseln!
Ich habe mir meine Glücksinseln auf einen Zettel geschrieben und es in der Küche aufgehängt, wo ich es immer sehe, wenn ich mir meinen Tee koche.
Pinnwände oder Bilder
Dann habe ich noch einige Pinnwände oder Bilder als Motivationsgeber.
Natürlich ein Zielbild hier auf meinem Laptop. Gegenüber meinem Schreibtisch eine kleine Pinnwand mit meinen Wunschbildern! Und noch einmal in der Küche in meiner Tee-Ecke eine Sammlung von netten Grüßen von Freunden und eine Postkarte von Pitigliano – meinem Toskana-Traum.
Kreativitätsmethoden
Auch ich wende Kreativitätsmethoden an.
Zum Beispiel notiere ich mir bei schwierigen Texten die wichtigsten Formulierungen mit der Hand, ehe ich sie dann mit Word ausarbeite.
Das mache ich oft, denn handschriftlich habe ich mehr Zugang zu meiner rechten Hirnhälfte.
Natürlich schreibe ich auch das Tagebuch mit der Hand.
Wenn ich etwas daraus entnehme, dann ist die Übertragung in Word die erste redaktionelle Bearbeitung. Damit schaffe ich mir eine Erklärung für den Nutzen!
Kreativität ist wie ein scheues Tier
Sie kann nicht erzwungen werden und ist nicht ein- oder ausschaltbar.
Die richtige Stimmung und eine gute Arbeitsvorbereitung sind hilfreich, um in eine kreative Stimmung zu kommen.
Und: Meine Kreativität ist nicht teilbar!
"Ich bin immer auf Entdeckungsreise."
Es ist die Neugier auf etwas Spannendes.
Die Bereitschaft, sich immer wieder auf etwas Neues einzulassen.
Telaru Seite 05 2024 - H1166
Wenn Sie mehr über meinen Weg von der Ingenieurin und Professorin zur Malerin erfahren möchten, finden Sie ihn auf Über Annette Kunow.









