DECOLLAGEN
Bild und Text entstehen gemeinsam.
Spuren, Fragmente, Erinnerungen – in Schichten verborgen und wieder ans Licht gebracht.
Die Decollagen verbinden Bild und Sprache.
Jedes Blatt ist Fragment und Erzählung zugleich – ein Moment, der sich erst im Zusammenspiel entfaltet.
Im römischen Regen
Es regnete in der Stadt der Straßencafés.
Kein Hell blitzt durch die Wolken.
Eine Schöne schwebt leichten Schrittes,
geschützt unter ihrem Schirm.
Pfützen von blauer und grüner Farbe
werden unüberwindbar.
Häuser und Straßen reinigen sich
durch die Wassermassen
und erstrahlen gleich darauf wieder
im Glanz der dunklen Sonne.
Annette Kunow
2006 · I045b
Rituale der Leidenschaft
Eine blaue Frucht rundet sich prall im bizarr lodernden Hintergrund.
Ein Vorhang hilft bei der Illusion, es sei noch nicht ganz so schlimm.
Wie ein Paukenschlag hat mich Dein Blick getroffen.
Oder war es Deine unsichtbare Berührung?
Und die Gedanken tragen mich trotz des nahe stehenden Unheils
in den weiten Himmel der Leidenschaft.
Wie durch Trommelklang nähern wir uns dem Unausweichlichen.
Annette Kunow
2006 · I046
Das Gebetbuch des Teufels
Mit schwärmerisch warmen Farben,
wie die eines Kindes,
lockt uns das Gebetbuch des Teufels.
Es lädt uns ein, darin zu blättern,
zu vergessen, dass wir uns mit jedem Blick mehr und mehr verstricken
in seinem feinfühligen Gespinst.
Dort hängen die Figuren leicht fliegend auf dem Kopf,
machen uns vor, das könnten wir auch.
Im gleißenden Rot versuchen sich die Körper aus dem Bade zu retten.
Am roten Faden hängt das letzte Band zum Guten,
das der Teufel uns noch lässt.
Es sind Chiffren der Todessehnsucht,
die erst langsam, zu langsam von uns erkannt werden.
Annette Kunow
2006 · I050
Die helle und die dunkle Schwelle
Die helle und die dunkle Schwelle führt zur Tür in eine andere Welt.
Rot abgegrenzt, damit der Eingang ja nicht verfehlt werden kann.
Vor ihr die dunklen Wächter der Finsternis mit ihren wallenden Gewändern,
die Gesichter geschwärzt vom Ruß der verbrannten Seelen.
Eine ferne Welt hinter dem Ozean mit seinen unruhigen Wellen,
die sich im Horizont mit dem Himmel verbinden.
Magie! Magische Anziehungskraft der fernen Welten, die uns locken.
Sei nicht töricht und widerstehe der Verführung!
Denn unergründlich und gefährlich
ist der Schritt hinter die Pforte.
Annette Kunow
2006 · I051
Ein harmloser Besuch
Zu Besuch sind Buchstaben,
Spiegelbilder der zu Aussagen gefügten Sätze.
Im Querverweis auf den Besuch der Mätresse,
die im Dunkeln des Zimmers auf ihre Beute lauert.
Stechend im Grün des Hinterhalts,
geifernd und lustvoll der kleine Affe,
der uns imitiert.
Hoch strebt das Blau zum Himmel,
Wolkenfetzen werden vom lauen Wind seitwärts getrieben.
Nichts bleibt als der lüsterne Blick
auf den baren Busen des eiskalten Engels,
blutbefleckt wie die Unschuld.
Annette Kunow
2006 · I052
Lena, an die Wand gelehnt
Oh, Du Schöne!
Hinter Deiner Zerrissenheit bist Du das Vollkommene.
Dein Körper nicht ohne Wunden ist makellos.
Die Nacht gibt Dir Stütze in Deinem Sein.
Die gelbe Nacht mit grünen Dämonen umfasst Deine Seele.
Gedanken an Lena stützen Dich in der nachtschwarzen Weite.
Durcheinander von Armen und Beinen wie im Liebesgetümmel, lehnst Du an der Wand.
Annette Kunow
2006 · I053
Pfützen von blauer und grüner Farbe werden unüberwindbar.
Nachtvogel
Da tanzt er, der Nachtvogel,
mit aufgespreitzten Flügeln,
von Menschen gestutzt.
Er reckt sich auf und balzt,
neigt den Kopf zur Seite,
um das Weibchen anzulocken.
Zerrissen das Gefieder
über blutrotem Körper
hinter dem Vorhang der Dunkelheit.
Leichtfüßig tanzt der Nachtvogel
in die Unendlichkeit,
die ihre Spuren hinterlassen hat.
Annette Kunow
2006 · I054
Die Zerstörung einer Schneiderpuppe
Kann ich die Schneiderpuppe zerstören?
Weil sie mir so eng auf den Leib geschneidert ist?
Weil sie mir die Luft zum Atmen nimmt?
Durch sie wird mein Äußeres unauslöschlich nachgebildet.
Die Taille der Jugend,
der straffe Busen,
der Apfelpo.
Nach und nach mit den Jahren passe ich da nicht mehr herein und fühle mich beengt.
Deshalb muss ich wie eine zarte Pflanze im Frühling durch diesen Panzer brechen, um mich zu befreien.
Es sind nicht nur Änderungen meiner äußeren Gestalt, es werden auch Veränderungen in mir sein!
Annette Kunow
2007 · I059
Fragmente bleiben.
Was sichtbar wird, ist nie abgeschlossen.














