Ignoranz hat mich mein Leben lang beschäftigt
Essay - Annette Kunow 2026
Große Betroffenheit 1993 - B066
Schon als Kind.
Später als Professorin.
Heute als Künstlerin.
Ich habe lange geglaubt, Ignoranz sei einfach Dummheit.
Heute weiß ich:
So einfach ist es nicht.
Ignoranz kann sehr viele Bedeutungen haben
Das lateinische Verb ignorare bedeutet „nicht wissen“, „nicht kennen wollen“. Es sieht also so aus, dass Ignoranz zwei ganz unterschiedliche Bedeutungen haben kann
- das Nicht-Wissen und
- das Nicht-Kennen-Wollen
Da fällt mir sofort die Frage ein, die ich mir immer wieder stelle, um eine Ursache zu identifizieren:
Kann, will oder darf eine Person nicht?
- Kann eine Person nicht?
Der Person fehlen die Fähigkeiten, etwas zu tun. Das können erlernbare oder angeborene Fähigkeiten sein, zum Beispiel eine Sprache sprechen. - Will eine Person nicht?
Aus irgendeinem Grund will die Person nicht. Das kann ein zeitweiliger Widerstand sein, zum Beispiel in der Pubertät, oder ein prinzipieller Grund, der auf ihrem Wertecodex basiert. - Darf eine Person nicht?
Hier verbietet eines der Systemgesetze, dass die Person ins Handeln kommt.
Das sind Gesetze - auch ungeschriebene - in unseren Familien, in der Kirche oder im Unternehmen: Man klopft an, wenn man einen fremden Raum betritt. Schön da auch das Wort "man".
Das geschieht meist unbewusst, zum Beispiel verzögert ein Studierender den Abschluss unerklärlich, weil er den harten Berufsalltag fürchtet.
Sie wirken im Unterbewusstsein, im Verborgenen. Sie sind den Menschen normalerweise nicht bewusst. Dennoch ist ihre Wirkung für jeden und /oder das gesamte System in positiver oder negativer Weise spürbar.
Werden diese Systemgesetze eingehalten, so ist das ganze System motiviert. Die Beziehungen stimmen, jeder einzelne fühlt sich unterstützt, gestärkt etc. Werden sie missachtet, werden das System und jeder Einzelne geschwächt.
Dieses Nicht-Dürfen-Können hat, wie ich finde, auch immer etwas Versöhnliches. 🙂
Wenn Menschen sich verschließen
Zuhören, zulassen, nachdenken, verstehen – all das ignoriert die ignorante Person.
Der ignoranten Person ist es lästig oder unangenehm, sich mit anderen Menschen oder Unbekanntem auseinanderzusetzen.
Auch hier spielen die drei oben genannten Aspekte mit.
- Zuhören verlangt Empathie.
- Zulassen verlangt nach Offenheit.
- Nachdenken erfordert Respekt.
- Toleranz und Verstehen benötigt Intelligenz.
Die Kombination dieser Elemente und ihre Umsetzung ist anstrengend. Die Person müsste dafür ihre Komfortzone verlassen. Und das ist für niemanden einfach.
Ignoranz als Selbstschutz
Allerdings gibt es auch eine sinnvolle Ignoranz, die sogenannte rationale Ignoranz. Das selbstauferlegte Desinteresse schützt vor noch größerer Dummheit („Das ignoriere ich erst einmal.“), vor einer unangenehmen Wahrheit oder gar einer Straftat.
Es ist eigentlich eine Haltung, die bei sehr kleinen Kindern zu beobachten ist. Sie denken, wenn sie die Augen vor dem schließen, was sie fürchten, ist es weg! 🙂
Bei Investitionen wird immer nach der Rentabilität gefragt.
Aber ich habe noch nie jemanden fragen hören, was es kostet, wenn man diese Investition nicht macht.
Das können Versicherungen sein, die wider besseren Wissens nicht abgeschlossen werden. Das kann die Nicht-Renovierung eines Hauses oder die Nicht-Teilnahme an einer Familienfeier sein.
Das kann aber auch das Ignorieren eines neuen Gesetzes sein, das in Kraft tritt.
Hier wird es nun kritisch, denn hier gilt:
Unwissenheit schützt vor Strafe nicht!
Rechtsgrundsatz aus dem römischen Recht
Ignoranz als Strafe
Ignoranz kann sich allerdings auch gezielt gegen einen Menschen richten. Das kann sogar eine besonders schwere und boshafte Form des Mobbings sein. Die Folgen der sozialen Ausgrenzung und Isolation erzeigen bei den Betroffenen schwere Traumata, das Gefühl von Ohnmacht und tiefe Einsamkeit.
Das sind Misshandlungen, die keine physischen, aber dafür emotionale Spuren und Wunden hinterlassen, die nur schwer vernarben und heilen können. Zum Beispiel wenn ein Mensch einen anderen tagtäglich mit Verachtung, Ignoranz oder Kritik verletzt.
Da genügt schon ein Wort, eine Geste oder einfach nur ein Schweigen, um den anderen zu verletzen. Das sind die Waffen, die bei emotionaler Misshandlung eingesetzt werden.
Ein Teilnehmer blättert immer dann gerade lautstark in seinen Papieren, wenn eine bestimmte Person spricht.
Ignoranz und Schweigen sind zwei Waffen, die sehr verletzen können.
Unbekannt
Okay! Häufig ist diese Form der Ignoranz eine Reaktion auf eine vorangegangene schwere Verletzung, vielleicht auf einen Vertrauensmißbrauch oder auf eine Enttäuschung.
Allerdings löst dieses Verhalten keine Probleme oder den Konflikt, sondern verlagert sie nur.
Dazu kostet dieses Verhalten eine Menge Energie, denn alle Energie wird eben auf diese Ignoranz verlagert. Trotzdem muss sich die Person immer mit dem Konflikt beschäftigen, ohne ihn aufzulösen und zu bewältigen.
Ignoranz durch Killerphrasen
Und nun zurück zum Alltag.
Hier ist Ignoranz gang und gäbe, allerdings häufig im Verborgenen.
Denn es würde nicht gerade von großer Intelligenz zeugen, Ignoranz offen zu zeigen. Dort tarnen sich die Ignoranten mit Killerphrasen, die jede kreative Idee augenblicklich im Keime erstickt.
– Es ist zu einfach, um wahr zu sein!
Häufig sind die einfachsten Lösungen ja die besten. Aber viele Menschen glauben, dass nur das, was kompliziert ist, gut ist und klappen kann. Schade!
– Das funktioniert sowieso nicht!
Das ist eine Phrase, die sehr häufig zu hören ist, wenn es um ungewohnte Ideen oder Gewohnheiten geht.
Häufig lassen sich viele Menschen von ihrer Angst abschrecken, statt einer ungewohnten Idee eine Chance zu geben. Aber wer nie etwas wagt, wird auch nie etwas Großes erreichen.
Wer wagt, gewinnt.
Redensart
– Das ist unmöglich!
Wenn die Person dann wenigstens sagen würde: „Das ist mir unmöglich!“, käme es der Wahrheit schon näher.
Viele Pläne scheitern, weil jemand mit dieser Killerphrase herausrückt und damit das Gespräch oder die Verhandlung abwürgt. Denn selbst, wenn der eine Weg misslingt, ermöglicht die daraus resultierende Erfahrung einen nächsten, vielleicht erfolgreichen Schritt auf das gewünschte Ziel zu.
Auf das Endergebnis kommt es letztendlich an.
Ignoranz als Selbstoffenbarung
Auch, wenn jemand eine Frage ignoriert, also auf eine Frage nicht antwortet, ist dies eine Information.
Wie oft habe ich früher in Besprechungen erlebt, dass Kollegen meinen Einwand einfach überhörten. Es gehört Mut dazu, sich dann noch einmal zu äußern oder das anzumahnen.
Dieses Verhalten muss sicher vorsichtig gedeutet werden, denn da spielen die äußeren Umständen eine beträchtliche Rolle, zum Beispiel plappert diese Person ständig dazwischen ...
Man kann nicht nicht kommunizieren!
Paul Watzlawick
Hierzu gehört auch, das bewusste Einsetzen von Ignoranz als Strafe (siehe oben).
Dabei sind die Motive auch hier sehr unterschiedlich. Neben der Bestrafung durch Ignoranz durch die Mutter (die wir ja alle kennen) oder den Liebhaber, drücken sich Menschen durch Ignoranz vor unangenehmen Konversationen, Trennungen oder Auseinandersetzungen, bei denen sie entweder im Unrecht sind oder der Stolz oder Eifersucht sie hindert, eine Lösung des Problems zu suchen.
Ein Bekannter von mir steckte sich dann die Hände unter die Achseln und sagte: "Darüber will ich nicht reden."
Besonders in Beziehungen wird dieses Phänomen oft ausgelebt. Er meldet sich einfach nicht, oder möglicherweise nicht zum richtigen Zeitpunkt. Sie fühlt sich verunsichert und schon steigert sie sich in das Gefühl hinein, dass es in der Beziehung nicht mehr stimmt.
Hier liegt das Problem darin, dass Menschen, nicht nur Männer und Frauen, sehr unterschiedlich denken und handeln.
Hellsehen
Menschen ist nicht gleich. Und Niemand kann hellsehen!
Deshalb sollten die Menschen lernen, die Dinge, die ihnen wichtig sind, anzusprechen und einzufordern. Und nicht die andere Person wegen Unwissenheit zu bestrafen.
Wenn alle immer ehrlich formulieren würden, was sie wollen und welche Bedürfnisse sie haben, würden sie etwas glücklicher und zufriedener sein.
Dabei muss natürlich respektiert werden, dass jeder dieses Recht hat.
Ignoranz als Ignoranz-Erzeuger
Tatsächlich ist jeder Mensch zu bestimmten Zeiten oder in bestimmten Situationen ignorant.
Wie gesagt, Ignoranz ist auch ein Mangel an Wissen oder Erfahrung. Genau das bringt Menschen dann dazu, vehement und misstrauisch zu sein. Das kann so weit gehen, dass sie sich selbst zu Feinden derjenigen erklären, die andere Erfahrungen gemacht und anderes Wissen angehäuft haben.
Andererseits wissen weise Menschen, dass eine Tugend im Wesentlichen darin liegt, dass sich ihrer Ignoranz bewusst zu sein, wie es Sokrates postulierte.
Telaru Seite 12 2024 - H1166
Ignoranz als Allwissenheit
Ignoranz lässt Menschen auch glauben, sie wüssten alles. Diese Art der Ich-weiß-alles-Persönlichkeit kann mit dem Dunning-Kruger-Effekt erklärt werden, einer Form der fehlerhaften Selbstwahrnehmung.
Er bezieht sich auf Personen, die tendenziell überschätzen. Das kann dabei zum einen um die Menge an Wissen sein, die sie glauben zu besitzen, zum anderen aber auch die Bestimmtheit, mit der sie ihre persönliche Meinung als unwiderlegbare Tatsache darstellen.
Exemplarisch erleben wir das tagtäglich bei alltäglichen Dingen wie dem Autofahren, Sport oder der eigenen Leistungsfähigkeit.
Ignoranz als Neugier-Erzeuger
Weisheit ist unter anderem, zu wissen, dass ein Mensch nicht allwissend ist und immer dazu lernen kann (Sokrates).
Es ist eine Chance, die Tür zu einer neuen Welt zu öffnen und die Motivation zu finden, Neues zu lernen.
Hier helfen auch die Warum-Fragen der Kinder! 😊
Kinder fragen immer, warum das so ist, wie es ist, was der Zweck von Dingen und Taten ist und wie die Welt funktioniert.
Wie einfach würde das Leben doch verlaufen, wenn die Ignoranz zum Verbündeten gemacht werden könnte!
Es wäre einem alles und jeder egal und man könnte seine Belange und Wünschen ausleben. Es scheint, als würde es das Leben irgendwie einfacher machen.
Doch die Menschen sind nun mal verschieden.
Wenn nun ein sensibler Mensch nur mit größter Mühe mit Ignoranz reagieren kann, dann kann das zum Problem werden. Weil er seine Umwelt sehr intensiv wahrnimmt, fast so, als könnte er Gedanken lesen.
Wie schafft er es dann trotzdem, sich zu schützen, wenn er doch nicht ignorieren kann? Wenn in ihm ständig Reaktionen stattfinden, obwohl er ignorieren sollte?
Ein Tipp war, den ich von einem Freund bekam: “Hänge Dir eine Zettel mit dem Wort IGNORIEREN sichtbar gegenüber Deines Schreibtischs in Dein Büro!“
Tatsächlich half dieser Zettel auch außerhalb meines Büros in den Vorlesungen, in denen einige Studierende glaubten, die Pänz machen zu müssen. Ich konnte die Störer ignorierten und sie gaben nach einiger Zeit auf.
Dabei ist es wichtig, dass der Ärger vor der Störung gewürdigt werden muss. Sonst funktioniert es nicht. Aber danach kann der Fokus wieder auf das Wesentliche gelegt werden.
Ignoranz als neue Umgangsform
Natürlich lernen Menschen im Laufe ihres Lebens eine Menge Regeln. Ich bin in den 60-ziger Jahren groß geworden und könnte einige wirklich lächerliche Regeln zitieren.
Aber damals war das eben so. Gut, dass ich schon lange erwachsen bin und mir meine eigenen Regeln kreieren konnte. 😊
Insgesamt ist unser Zusammenleben heute toleranter und lockerer als früher. Das ist gut so, denn es müssen immer mal wieder die „alten Zöpfe“ weichen.
Aber deshalb nun jedes Fehlverhalten zu ignorieren, wäre genauso falsch.
Wenn also eine Gruppe junger Leute nach ihrer Pause auf den Treppenstufen einen Müllhaufen hinterlassen hat, weise ich sie darauf hin. Meist ernte ich nur erstaunte Blicke. Selten hebt jemand etwas von seinem Dreck auf. Leider. 😊
Ignoranz ist heute auch sonst zur neuen Umgangsform geworden. Aber wenn wir uns nicht schützen, zum Beispiel bei E-Mails, WhatsApp und SMS, werden wir mit E-Mails oder/und Anrufen zugeballert oder gar gestalkt.
Früher wollte ich jede Ignoranz verstehen.
Heute frage ich mich zuerst:
Kann dieser Mensch nicht?
Will er nicht?
Oder darf er nicht?
Erstaunlich oft verändert diese eine Frage den Blick auf die Situation.
Und manchmal hilft noch etwas anderes.
Das Wort IGNORIEREN, das viele Jahre als kleiner Zettel über meinem Schreibtisch hing.
Heute weiß ich: Ignoranz sagt oft mehr über den anderen aus als über mich.


