Im Atelier habe ich Selbstführung gelernt


Essay - Annette Kunow 2026

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Die Saxophonisten 1992 - M229


Viele Jahre habe ich gedacht, dass ich zwei Leben führe.

Vormittags Professorin.

Nachmittags Malerin.

Heute weiß ich:

Das stimmt nicht.

Beide Welten haben mir dasselbe beigebracht.


Der Anstoß zu diesem Gedanken kam durch ein Podcast-Interview über Jazz und Führung. Dort wurde deutlich, wie wichtig Selbstführung ist. Sofort fragte ich mich: Gilt das nicht genauso für Künstler?


Wie sieht es aber für Künstler aus?

Künstler, die Ihre Kunst für sich alleine gestalten, sind Solopreneure: Malerinnen und Maler, Autorinnen und Autoren, Bildhauerinnen und Bildhauer, etc.

Die, die im Stillen etwas schaffen, was schließlich als Ganzen erst am Ende dieses Prozessen sichtbar ist.

Was können wir in puncto Selbstführung von ihnen lernen?


Selbstführung

"Wer andere führen will, muss sich selbst führen können."

Mir ist das das erste Mal klar geworden, als ich in den 90ziger Jahren Gründungsmitglied des Kompetenzzentrums der HS Bochum war.

Wir hatten damals zusammengetragen, was an Themen erforderlich sein könnte, um ein komplettes Programm abzubilden.

Für mich damals erstaunlich (ich war damals Ende 30), dass wir eine große Anzahl von Selbstführungskompetenzen, wie Rhetorik, Zeitmanagement, Konfliktmanagement, Stressbewältigung, etc., aufgelistet haben, aber sehr wenige Teamkompetenzen, wie Besprechungen leiten, etc.


Sich führen lassen

Die Selbstführung war für mich immer die Herausforderung.

„Mich führen lassen?“ Das wollte ich nie.

Als 12 Jährige erklärte ich meiner Mutter, dass ich nie jemanden über mir haben wolle. "Dann lerne mal schön." und schickte mich wieder in mein Zimmer. Damit war dieses Kapitel erledigt.

Schon als Kleinkind war ich sehr selbstständig. Zur Erleichterung meiner Eltern: Sie mussten nur noch das Lebensbedrohende von mir abhalten. Zugleich aber zur Verzweiflung meiner Eltern: Denn, wenn ich etwas nicht wollte, wollte ich es nicht.

Das ging natürlich in der Schule weiter. Als ich mit 16 das Schuljahr wegen eines Autounfalls wiederholen sollte, weil ich fast das ganze Jahr nicht am Unterricht teilnehmen konnte, überzeugte ich sowohl die Schulleitung als auch meine Eltern, dass ich das schaffen würde. Fortan bestimmte ich meine Teilnahme am Unterricht.

Mich führen zu lassen, ist bis heute eine Herausforderung. Zum Glück brauche ich das jetzt nie mehr.



Vorbilder sind wichtig für die Selbstführung

Zum Glück traf ich schon früh in meinem Leben einige Frauen, die mich sehr beeindruckten. Ich wollte so wie sie werden. Also wurden sie unbemerkt zu meinen Vorbildern. Von ihnen ließ ich mich führen.

Am meisten bewunderte ich meine Großmütter.

Omama, eine sehr stolze Frau, die noch bis zu ihren 70. Lebensjahr in der Schule unterrichtete. Natürlich war das alles kriegs- und fluchtbedingt. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass sie sich jemals beklagt hätte.

Omi, eine bodenständige, sehr resolute Frau um die 1,50 m, die Haus und Hof zusammenhielt, Gemüse anbaute und erntete und eine große Lebensweisheit besaß.

Dann kam meine Schuldirektorin Dr. Irmgard Fromm, mit der ich so manche Diskussion ausfocht und mit der ich bis zu ihrem Tod befreundet war. (Das war auch die, die mir „Ausdruck ausreichend“ in einem Aufsatz bescheinigte. Was mich sehr lange belastet hat. 😊 Aber das ist eine andere Geschichte.)

Und schließlich die Mutter eines Freundes, Prof. Dr. Irene Sänger-Bredt, die in der Luft- und Raumfahrt als Physikerin erfolgreich bis ins hohe Alter tätig war. Die abendlichen Veranstaltungen zur Höhlenmalerei in ihrem Haus beeindruckten mich als 15 Jährige außerordentlich.

Ich bin ihnen allen bis heute dankbar. 


Für Künstler ist die Selbstführung das Wichtigste. 

Er muss sich um sich selbst kümmern, selbst entscheiden, für sich selbst sorgen.

Alles, was er tut, wird von ihm selbst initiiert.

Er muss sich mit niemandem abstimmen und niemand quatscht ihm dazwischen.

Da gibt es unzählige Ablenkungen, die bewältigt werden müssen. 

Und nicht immer läuft alles gut. Auch nach Enttäuschungen und Rückschlägen muss er wieder mit Elan an die Arbeit gehen. Niemand ist da, um ihm hilf, mit ihm diskutiert oder ihn antreibt, wenn es Schwierigkeiten gibt.

Das kann ganz schön einsam sein.


Meine „Arbeitsweise“ als Künstlerin

Um gut zu arbeiten, muss ich ungestört sein. Das heißt bei mir inzwischen sogar: Ich muss allein sein


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Die richtige Arbeitsatmosphäre schaffen

Ich brauche auch immer eine besondere Atmosphäre, die ich mir täglich schaffe.

Dazu gehört immer eine Kanne schwarzer Tee, die ich von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz über den Tag mit mir mitschleppe.

Ein Freund wollte mir früher mal einen Samowar als Rucksack entwerfen. Schade, dass er das nie vollendet hat! 😊

Ich brauche auch eine bestimmte Art von Hintergrundgeräusch oder Musik. Mal antreibend, mal beruhigend. Je nachdem.

Oft ist es nur das Zwitschern meiner Vögel oder der im Wohnzimmer laufende Fernseher.

Das ist die Arbeitsvorbereitung und schon kann es losgehen.


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Malwagen auf  Arbeit wartend


Whiteboard

Wichtig für mich ist auch, einen übersichtlichen Schreibtisch und ein geordneten Computer vorzufinden. Da ich viele verschiedene Schreibtische nutze, kann es sein, dass ich alles auf dem gerade nicht genutzten Schreibtisch hinlege. Für später.

Dann muss ich erst einmal Ordnung machen, um mich neu zu orientieren.

Am Besten ist natürlich, wenn ich den Tisch ordentlich oder gut vorbereitet hinterlasse.

Das gilt natürlich auch für´s Atelier.

Denn, wenn ich anfangen will und muss erst vertrocknete Pinsel auswaschen oder etwas entsorgen, nimmt es mir zu viel Energie.


Die Kreativität verabschiedet sich

Oft ist die Vorfreude groß und ich sehne den Tag herbei, an dem ich mir diesen Freiraum gönne.

Aber was passiert dann?

Nichts!

Meine Kreativität hat sich verabschiedet. Mein Kopf steckt noch so sehr im Alltag. Ich kann nicht abschalten oder besser, umschalten.

Nun gilt es, den Anfang zu finden. Jetzt ist niemand da, der auf mich wartet oder mich animiert zu beginnen.

Niemand erwartet, dass ich anfange. Niemand wartet auf ein neues Werk.

Es ist ganz alleine mein Ding. Wie beim Künstler, der eine neue kreative Lösung finden will oder muss, aber nicht in die Puschen kommt.

Maler nennen es die „Panik vor der leeren Leinwand“. Schriftsteller die "Angst vor dem leeren Blatt."

Das Buch „Am kreativsten bin ich, wenn ich bügle …“ beschreibt die täglichen Routinen berühmter Künstler.

Es zeigt sich, dass alle eine gewisse Routine entwickeln, um ins Tun zu kommen.

Was hilft mir? Was sind meine Routinen?


Farben anrühren-im-Atelier-72dpi-1500 Annette Kunow

Farben anrühren


Einfach anfangen!

Ich fange einfach an.

Ich tue so, als ob ich nichts beabsichtige.

Das heißt aber auch: Ich lasse den Perfektionismus außen vor. Ich bin bereit, die ersten Ideen möglicherweise zu verwerfen und danach wieder neu zu beginnen.

Ich habe mir dafür einige Routinen geschaffen:

Ich rühre die Farben an. Dazu nutze ich Pigmente, die ich mit Wasser auflöse und mit einem Binder zu einer Acrylfarbbrei vermische. 

Oder ich schneide ein paar Formen für meine Collagen aus Zeitschriften aus oder nutze vorhandene, verworfene Arbeiten als Ausgangspunkt für das neue Projekt. Vielleicht durch Zerschneiden oder Zerreißen.

Damit komme ich so langsam in die Entspannung und tue etwas.

Wenn die Farben schon fertig sind, öffne ich alle Becher und rühre sie um. So nehme ich Kontakt mit ihnen auf.

Oder ich blättere in meinen gesammelten Zeitungsausschnitten, bis mir etwas Spannendes in die Hände fällt.

So langsam beginnt der kreative Prozess und fängt mich ein.

Ich tauche in das Tun ein.

Das ist der Flow. Jetzt läuft es und ich vergesse die Welt um mich herum.

Genauso geht es dem Künstler, wenn ihm die Aufgabe, die er zu erledigen hat, gut von der Hand geht.

Wenn die Ausgangsidee geboren ist und ausgearbeitet werden kann, dann geht es voran.

Nach einer oder mehreren Stunden bin ich erschöpft und brauche eine Pause.

Das heißt, ich gehe aus dem Atelier. Vielleicht schleppe ich das Bild auch noch aus diesem Raum, um es zu „beobachten“, ehe ich mich wieder dranmache.


Und wann bin ich fertig?

Auch beim Abschluss einer Arbeit ist Selbstführung gefragt.

  • Wann ist eine Arbeit fertig? 
  • Wann bin ich damit zufrieden? 
  • Welche Maßstäbe gelten dafür?

Auch dieser Schritt ist in der Malerei spannend: Die Entscheidung zu treffen, dass ein Bild fertig ist, hat mich schon Jahre gekostet. 😊

Schließlich war nur noch ein Strich notwendig und die Arbeit war fertig.

Aber es kann auch in einem Rutsch fertig sein und wenig Mühe machen.

Niemand kann mir dabei helfen. Das muss ich alleine tun.

Genau wie ein Künstler: Er entscheidet, wann seine Arbeit fertig ist.

Am besten geht es natürlich, wenn der Druck von außen kommt. Das kann ein Abgabetermin sein oder ein neuer Auftrag.

Es für fertig zu erklären, ist sonst ein schwieriger Prozess, vor allem bei Perfektionisten. 😊

Müssen Künstler auch ihren Perfektionismus zügeln? Diese Frage vermag ich gar nicht zu beantworten.

Heute weiß ich nur eines:

Selbstführung bedeutet für mich nicht, mich zu disziplinieren.

Sie bedeutet, jeden Tag den Weg zurück ins Atelier zu finden.


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Parzival-Zyklus; Die heiligen Jungfrauen 1995  - K177