Material - Ich kann alles gebrauchen
Essay - Annette Kunow 2026
Alles ist wertvoll
Bevor ich etwas in den Mülleimer werfe, schaue ich es noch einmal an.
Manchmal geht es dann mit einem Seufzer.
Manchmal beginnt daraus ein neues Bild.
Für andere ist es Papier.
Für mich vielleicht schon Material.
Der folgende Text entstand vor vielen Jahren als augenzwinkernde Hymne an die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Heute lese ich darin weniger eine Liebeserklärung an eine Zeitung als eine Beschreibung meiner eigenen Arbeitsweise.
Ein Schlachtfest - Hymne an die FAZ von 2007
Kann es sein, dass man sich so sehr an eine Zeitung gewöhnt, dass man sich nur noch in ihr zurechtfindet?
Es scheint so. Eine lange Liebesgeschichte.
Ich habe sie abbestellt, weil sie mir zu viel wurde. Weil ich sie allzu oft liegen ließ. Weil ich sparen musste.
Aber ich lasse mich immer wieder mal von einem Kurzabo verführen.
Dann lebt alles auf.
Nach dem Frühstück schlage ich sie auf. Ich muss aufpassen, dass sie nicht in die Kerzenflamme gerät. Also setze ich mich etwas schräg zum Tisch und lege sie vorsichtig auf meine Teetasse.
Ich kann Informationen schnell aufnehmen, lese Überschriften und bin informiert, bleibe an einigen Artikeln hängen und überfliege sie. Ich vertiefe mich eher selten.
Ich zerlege sie zuerst in Einzelteile.
Erste, zweite und 3. Seite. Dann Deutschland und die Welt. Wiederholungen von dem, was ich im Radio gehört habe. Ich kann es vertiefen, wenn ich will.
Im Wirtschaftsteil auch nur die Überschriften. Immer mit einem schlechten Gewissen, aber es interessiert mich nicht so, dass ich alle Namen behalten müsste.
Finanzen haben mich interessiert, als ich noch Fonds hatte. Das ist schon etwas her. Jetzt steckt das Geld im Haus.
Sport fällt komplett neben den Tisch auf den Boden. Am Samstag folgt ihm sofort der Stellenteil. Ich suche keinen Job.
Und nun beginnt die Sezierarbeit. Feuilleton, Kunstmarkt, Beruf und Chance und die diversen Beilagen werden auseinandergerissen, angelesen, weggelegt zur Weiterbearbeitung.
Später werden sie vielleicht ausgeschnitten und abgeheftet. Das allerdings erst, wenn der Berg sehr hoch geworden ist. Sie werden dann immer wieder gewälzt, gelesen, in Bildern zu Collagen verarbeitet, in Texten als Zitate eingefügt, umfunktioniert in Bildertitel, abgeschrieben oder eingescannt mit einer Worterkennung und wieder und wieder bearbeitet.
Ich kann alles gebrauchen: die Bilder als Vorlagen und Ideengeber. Da sind Theater- und Tanzaufnahmen mit ihren ausdrucksvollen Bewegungen besonders geeignet.
Oder ich übermale sie, um so zu neuen Ideen zu kommen. Manchmal so, dass von dem Eigentlichen gar nichts mehr übrig bleibt.
Samstags schaue ich mir dann noch die Männerangebote an. Natürlich befinden sich die Partnerschaftsanzeigen im Kunstmarkt. Dorthin und nirgendwo anders würde ich Partnersuche auch stecken.
Früher waren die Anzeigen wesentlich interessanter. Heute hat sich der Markt in Richtung Internet wegentwickelt. Es sind nur noch wenige Traumprinzen ausgeschrieben.
Mit Spannung lese ich die Bedingungen sine qua non an die zukünftige Partnerin. Selten interessiert mich ein Prinz wirklich: zu einseitige Ansprüche, zu großer Altersunterschied. Der Mann ist mindestens 10 Jahre älter, aber es darf da ruhig etwas mehr sein.
Die zu Boden geworfenen Zeitungsteile sind auch noch nicht verloren..
Als ein wertvolles Gut, seitdem ich kein Dauerabo mehr habe, dienen sie allen möglichen Schutzmaßnahmen.
Sie werden zur Unterlage im Vogelkäfig unter dem Sand benutzt. Ich sage den Vögeln immer, mit welcher Lektüre sie sich in dieser Woche weiterbilden können.
Oder sie saugen im Atelier den unliebsamen Kommentaren über meine Abwesenheit meiner Hündin Pauline auf.
Neuerdings werden sie zum Innenleben meiner Betonskulturen, die dieses Material kiloweise fressen. Dann, mit Betonmasse umgeben, bleiben sie für die Ewigkeit erhalten.
.. auch mit Lottas Hilfe
Was Material für mich bedeutet
Acrylmalerei auf Recycling-Karton
Schon immer ist mein bevorzugter Malgrund bei der Acrylmalerei Karton, der früher bei der Blaupauserei im Bauwesen anfiel.
Mein Vater sammelte so viele Kartons, dass ich noch hundert Jahre malen kann.
Sie werden auf der Vorder- und Rückseite grundiert und sind so ein optimaler Malgrund.
Im Innersten lehne ich das "feine" Malen auf Leinwand sogar ab.
Wenn ich erlebe, dass Kinderbilder sehr "wertig" auf einfachen Leinwänden gemalt werden, damit sie besser wirken, habe ich nicht nur ein Fragezeichen im Kopf?
Denn nicht jedes Material gewinnt automatisch durch Wertigkeit.
Und ein schönes Papierbild kann immer noch aufgezogen oder gerahmt werden.
Trotzdem gibt es natürlich auch Leinwandbilder. Das liegt dann oft an den Formaten oder dem Einsatz.
Zeichnungen, Mixed Media auf Prospektmaterial
Einige meiner Zeichnungen und die Poetischen Miniaturen entstanden auf der Rückseite von Einladungskarten oder anderen wertvollen Materialien.
Was spricht dagegen, wenn das Material in Ordnung ist?
Ich finde: Nichts!
Ja, es kann dann passieren, dass das Material nachdunkelt, aber meist macht es das Bild nicht schlechter.
In der Mixed Media begegnen sich ohnehin unterschiedlichste Materialien.
Collagen bestehen ja sowieso aus allen Arten von Materialien. Was macht es da, wenn sich ein Teil "findet", das gut passt?
Der Spaß dabei ist ja das Ergebnis.
Vielleicht macht gerade das die Freude aus, es anzusehen.
Dabei kann alles der Kreativität folgen.
Okay, für andere (Mitbewohner) ist es nicht immer leicht zu verstehen, warum ich mir das eine oder andere Fundstück aufhebe, es hege und pflege, bis es einmal verarbeitet wird.
Für Außenstehende ist es Abfall, für mich wertvolle Inspiration.
Bevor ich etwas wegwerfe, schaue ich es noch einmal an. Manchmal geht es dann mit einem Seufzer.
Es kann doch sein, dass gerade diese Farbe passt oder sich gerade jene Form ergänzt.
Und mein Kinderherz freut sich allemal über die ganzen Schätze im Atelier. Es könnte tagelang zwischen ihnen umherstreifen.
Figuren aus Pappe und Eierkartons
Schon früh wollten sich meine Figuren auch im Dreidimensionalen manifestieren.
Und Papier ist ein wundervolles Material.
Es ist leicht, biegsam, lässt sich gut zusammenfügen und kolorieren.
Nur ist es natürlich empfindlicher als Metall wie Bronze.
Heute experimentiere ich mit Pappmachè/Pulpe und Eierschalen.
Farben aus Pigmenten
Ich mische meine Farben selbst, weil ich den Malprozess von Anfang an in der Hand haben möchte.
Es hat verschiedene Vorteile: Ich kann Glanz oder Mattigkeit steuern und verfüge über unzählige Farbabstufungen.
Vor allem weiß ich auch immer, was enthalten ist.
Da ich im Haus (mit Hund) arbeite, verarbeite ich ausschließlich ungiftige Pigmente und Materialien, die im Hausmüll entsorgt werden können.
Auch die großen Leinwände ziehe ich selbst auf und grundiere sie dann.
Oft beginnt ein Kunstwerk mit einem Material, das andere längst für wertlos halten.







