Der Wunschtraum der kleinen Tigerente
Poetische Betrachtung - Annette Kunow 1991
Quergestreifte Ente 2023 - H602
Die ehrgeizige Tigerente
Ja, Wünsche und Träume hatte die kleine Tigerente immer schon viele. Das liegt vielleicht auch an Ihrem Sternzeichen, indem sie geboren ist. Sie ist eine richtige Fische-Tigerfrau.
Allerdings haben sich auch so sehr viele Dinge in ihren Leben bewahrheitet. Man kann mit Recht sagen, dass die kleine Tigerente etwas im Leben erreicht hat.
Doch, doch, sie hatte es sich erkämpfen müssen. Zugefallen war es ihr gerade nicht. Nein, das kann man nicht sagen. Aber wenn sie sich mal etwas in ihr schönes Köpfchen gesetzt hatte, dann ging sie mit einer solchen Zielstrebigkeit vor, dass die anderen Tigermenschen es so manches Mal gar nicht mitbekamen und vor vollendeten Tatsachen standen.
Einige der Tigermenschen fanden das ganz toll und ermutigten die kleine Tigerente. Andere sahen, dass sie etwas konnte, was sich nie können würden und wurden neidisch. Und wenn sie ihr auch keine Steine in den Weg legten, so machten sie sie schlecht oder mäkelten immer wieder an ihr herum.
Die kleine Tigerente wollte aber immer ganz harmonisch mit anderen zusammenleben, und vor allem, sie wollte mit anderen zusammenleben. Und deshalb war sie dann immer ganz bedrückt, wenn sie auf Neider traf. Erst als sie etwas älter, oder besser reifer war, lernte sie, dass man es nicht allen Tigermenschen recht machen kann. Es war schon ziemlich schwierig, bis sie das verstand.
Das nennen die Tigermenschen dann Erfahrung.
Die kleine Tigerente hat eigentlich immer Pläne und Ziele. Und so richtig allein ist sie eigentlich nie. Sie findet immer etwas, womit sie sich beschäftigen kann und was ihr Freude macht.
Der Wunsch nach einer Familie
Nur manchmal, ja da fehlt ihr ein Tigerenterich. Nicht nur zum Schmusen, nein, auch so für den Alltag, so für die Zeit, wo man mal gar nichts sagen mag.
Einfach nur so, um nebeneinander zu sitzen und nicht allein zu sein.
Früher, als sie noch alles wollte, da hat sie sich immer viele Tigerkinder gewünscht. So eine ganze Menge. Mit ihnen wäre sie dann zum Beispiel zum See gegangen und hätte sie im Schwimmen unterrichtet. Oder ihnen auf der Wiese beigebracht, die richtigen Halme zu fressen.
Aber da hat ihr das Leben nicht so richtig mitgespielt. Zum einen wollten sich einfach keine Eier einstellen, die sie hätte bebrüten können. Andererseits fand sie einfach nicht den richtigen Tigerenterich, mit dem sie das tun konnte. Denn Tigerküken aufzuziehen ist eine schwierige Aufgabe, und ganz allein ist es noch viel schwieriger.
Die Suche nach dem Tigerenterich
An Tigerenterichen fehlte es in ihren Leben auch nicht, aber für so eine Aufgabe, da hatte sie vielleicht auch sehr hohe Ansprüche.
Lange Zeit war das für sie ein großes Problem. Sie war ganz traurig. Und die Zeit, in der sie noch Tigereier legen konnte, wurde immer knapper.
Die Tigerente wurde immer hektischer. Der Wunsch, Tigerküken zu bekommen, war zeitweilig so groß, dass sie bei der Auswahl des Tigerenterichs sehr großzügig war, ihm vieles nachsah. Aber sie bekam keine Tigerküken.
Endlich sah sie ein, dass es so nicht ginge. Sie entschloss sich, nicht mehr auf Tigerküken zu hoffen.
Ruhe kehrte wieder in ihr Leben ein. Sie wurde wieder besonnener in ihrer Partnerschaftswahl. Nein, den Richtigen zu finden, war immer noch nicht einfach.
Es gibt ja Tigerenteriche jeglicher Couleur. Aber die farbenprächtigen sind nicht immer die besten Partner. Auch bei Tigermenschen nicht.
Manchmal sind es die kleinen Dinge, wie immer im Leben, die das Gefühl ausmachen, dass einem das Herz hüpfen möchte. Da ist eine wunderschöne Feder im sonst struppigen Gefieder, oder eine besonders schön geformte Kralle. Und das kann dann eine Tigerente richtig umhauen.
Allerdings gab es auch Tigerenteriche, die zwar für die Tigerente eine solche außergewöhnliche Eigenschaft haben, aber selbst anderweitig beschäftigt sind - mit anderen Tigerenten, und so - oder an ihr eben nichts Besonderes entdecken können.
Das bereitet der Tigerente heute immer noch schlaflose Nächte. Sie, die sonst immer alles erreicht, hat es hier genauso schwer wie alle anderen Tigermenschen.
Oder noch schwerer? Manchmal findet sie schon. Sie muss immer alles analysieren. Alles verstandesmäßig durcharbeiten, ehe sie damit fertig wird. Oft brummt ihr der Schädel, so dass die Kopffedern senkrecht hochstehen.
Aber es hilft nichts. Sie findet nicht den richtigen Tigerenterich. Er sollte ja schon einige tolle Eigenschaften haben.
Wenn sie sich ihn vorstellt, wie er ist, dann soll er ein umwerfendes Tigerentenlächeln haben, so dass sie ein Kribbeln im Bauch empfindet. Zärtlich soll er sowieso sein. Größer als sie ist nicht schwierig, denn sie ist nicht groß gewachsen. Reicher als sie, dass wäre natürlich nicht schlecht, aber reich an sich, scheint ihr nicht so wichtig zu sein. Nicht dass sie den Luxus nicht auch mag. Doch, doch. Aber er ist ihr nicht lebenswichtig.
Lebenswichtig erscheint ihr ein Tigerenterich, mit dem sie ihre täglichen Eindrücke teilen kann, und in ihrem Leben passieren täglich viele Dinge. Der mit ihr diskutiert, der ihr auch mal bei schwierigen Entscheidungen hilft oder in schwierigen Augenblicken beisteht.
Der vor allem Lust hat, sich mit ihrem Innenleben auseinanderzusetzen. Denn sie hat unheimlich viele Ideen, die sie gar nicht schnell genug in die Wirklichkeit umsetzen kann. Sie ist sehr sensibel und nimmt alles um sich herum wie mit einem dritten Auge wahr. Auch da will sie sich jemanden anvertrauen.
Die Freiheit der Tigerente
Aber die meisten frei herumlaufenden Tigerenteriche sind sehr in ihren Rollen verankert. Sie kennen nur Tigerenten, die sich gerne ihnen ganz unterwerfen und zu ihnen hinaufschauen.
Das könnte die kleine Tigerente auch tun, von der Größe her, müsste sie es ja sowieso tun. Aber sie will dann auch gerne etwas sehen, auf das sie bewundernd schauen kann.
Also kurz, sie passt überhaupt nicht in das Rollenverständnis, das man von Tigerenten erwartet.
Sie ist zu selbstständig. Zu unabhängig. Nicht materiell, sondern geistig. Was für ihr Leben gut und wichtig ist, stellt sich für das Zusammenleben als Hürde heraus.
Das macht den Tigerenterichen oft Schwierigkeiten. Sie kennen das nicht und es ist ihnen unbequem, sich damit auseinanderzusetzen.
Paar 1995 - K160
Manche flüchten regelrecht, andere bleiben, fangen aber an, an der Tigerente herum zu erziehen. Das macht sie dann auch eine Zeitlang mit, weil sie ja die Harmonie liebt und nicht allein sein möchte. Aber immer, wenn sie merkt, dass da nur wieder jemand von seinen eigenen Unzulänglichkeiten ablenken will, dann entzieht sie sich diesem Einfluss.
Man sieht leicht ein, dass für die kleine Tigerente die Auswahl an geeigneten Tigerenterichen sehr klein ist. Und nur um einen Enterich zu suchen, kann sie doch nicht dauernd durch die Wiesen streifen und nach einem Ausschau halten.
Immerhin hat sie sonst noch viel zu tun. Erfolgreich sein, heißt ja auch, gefragt zu sein und zu tun zu haben.
Die gemalte Familie
Also, sie befindet sich so richtig in der Klemme. Allein will sie ja auch nicht immer sein, aber mit jemandem zusammen, der dann doch nicht zu ihr passt, und mit dem sie sich nicht so richtig wohl fühlt, ist dann ja auch nichts.
Die Tigerente wurde schon ganz traurig. Manchmal nimmt sie einen Tigerenterich mit in ihr Nest, aber meist ist es dann doch ein enttäuschendes Erwachen, denn sie erhofft sich ja doch nur, dass es der Tigerenterich für immer sein möge.
Zur Bildserie:
Family Life (1991)
Also bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich ihren Tigerenterich zu malen. Bald folgten dem Tigerenterich die Tigerküken und dann Tigerentenfreunde.
So bekam sie endlich ihre Tigerfamilie, die sie sich immer gewünscht hat. Und wenn man ganz genau hinkuckt, dann bewegen sich die Figuren auf den Bildern.






