Begegnung


Literarische Miniatur - Annette Kunow ca. 1991


Begegnung-Menschenpuppe-1991-FAZ

Menschenpuppe © Foto FAZ 1991


Er erschien plötzlich.

Ich hatte den Eindruck, dass ein sehr fürsorglicher Partner an meiner Seite war. Er sah dem Segler aus der Sauna ähnlich. Aber er hatte auch etwas von Charly Chaplin.

Er stand da, klein und zierlich, ganz ruhig im schwarzen Anzug. Grüne Schuhe. Nur er und ich in der Landschaft.

Der Himmel in dem strahlenden Blau der Wintersonnentage. Weite Landschaft. Wir fast eine Einheit im Universum.

Er gab mir schweigsam eine Rose. Nur ein angedeutetes Lächeln in seinem Gesicht.

Die dunklen Augen tief und fest auf mich gerichtet. Die schwarzen Haare waren etwas zerzaust.

Ich wusste sofort, dass es eine Liebeserklärung ist. Aber ich wusste auch: da ist noch etwas anderes.

Wie im Traum erschien plötzlich eine zweite Person.

Ich erkannte einen uralten Freund wieder. Er schälte sich fast aus diesem Fremden heraus.

Und trotzdem konnte ich mich nicht genau erinnern, in welcher Beziehung dieser Mann zu mir stand. Irgendwie war er mir sehr nahe. Aber ich konnte ihn nicht zuordnen.

Wie eine Fata Morgana erschien er und verschwand. Ich stand allein.


*****


Das zweite Mal begegnete ich ihn in der Sauna. Er ging auf mich zu, begrüßte mich und gab mir dazu die Hand. Das erste Mal seitdem ich ihn kenne. Und ich kenne ihn seit 10 Jahren.

Wir standen uns nackt gegenüber, er kam gerade aus dem Garten, ich wollte rausgehen.

Kein schwarzer Anzug, keine grünen Schuhe. Nichts. Nackt.

Ich stand ihm gegenüber. Fast hatte ich den Eindruck, dass ich größer sei als er. Klein und zart, wie selten bei Männern ist. Und still.

Zuerst war ich mir meiner Nacktheit bewusst. Gerade bei ihm. Aber nach einigen Worten verlor ich meine Scham ihm gegenüber.

Dann trafen wir uns später im Bistro der Sauna wieder. Normalerweise sind alle Tische mit lärmenden, lachenden Menschen in Bademänteln und Schlappen besetzt, aber diesmal war es fast leer.

Er saß allein auf der Seitenbank an der Theke und trank etwas. Bier, dachte ich zuerst voller Abscheu. Er fragte mich, ob ich mich in die Bank reinsetzen wolle, er sei gleich fertig.

Ich bestellte mir eine Apfelschorle. Er sprach kaum. Er habe heute sehr viel Durst. Er trank auch eine Apfelschorle. Mehr sprachen wir nicht.

Ich war etwas erstaunt, denn vor meiner dreijährigen Saunapause hatten wir uns öfter unterhalten. Über sein Segeln, über seine Arbeit.

Und vielleicht war er auch der Grund für mich, nach Mülheim zu fahren und meine Saunakarte noch abzuarbeiten. Insgeheim freute ich mich auf all diese Menschen, die ich schon kannte.

Er war auch sehr erstaunt, mich wieder zu sehen. Fragte sofort, wie lange es gewesen sei. Drei Jahre erstaunten ihn sehr.

Er sah schlechter aus als früher. Er musste krank gewesen sein. Oder er hat abgenommen. In seinem Alter immer unvorteilhaft.

Im Saunaraum war es sehr voll, als ich ihn betrat. Alle, die heute da waren, saßen drin. Es waren nur wenige Plätze frei. Er machte mir sofort Platz, damit ich mich neben ihm sitzen konnte. Ich dankte und legte mich dann aber doch auf die oberste Stufe.

Es wurde über die Weihnachtsmärkte der Gegend gefachsimpelt. Keine weiteren Worte zwischen uns beiden.


*****


Das dritte Mal traf ich ihn wieder im Traum. Er hatte ein Clownskostüm an.

Das Gesicht war geschminkt. Weißes Gesicht, ohne Haare. Die Brauen dick und schwarz, der Mund knallrot und zum Lachen überschminkt. Dicke, große, aber weiß geschminkte Nase und große abstehende Segelohren. In seinem roten Kostüm wirkte er mächtig. Eine große Halskrause aus weißem Stoff, rot eingefasst. Die Hände in dicken Handschuhen, die Stulpen auch wieder krause und ausladend. Und grüne Schuhe.

Ich lachte und freute mich, ihn wiederzusehen. Er reichte mir die Hand, während er mit der anderen behandschuhten Hand die Maske langsam abhob.

Wieder bot er mir an, mit ihm zu gehen.

Er war sanft. Das Gefühl war leicht. Sehr verführerisch.

Nun sah ich ihn. Den Totenkopf.

Unter seinem Handschuh, den er nach mir ausgestreckte, war eine knochige Totenhand.

Ich schaute ihn an, lächelte und schüttelte den Kopf. Nein, noch nicht.