Die Beine von Thomas und Katia Mann – Wie ein Bild unseren Blick verändern kann
Essay - Annette Kunow 2003
Die Beine von Katia und Thomas Mann © FAZ
Manchmal genügt ein halbes Foto, um einen ganz neuen Gedanken auszulösen.
Vor vielen Jahren fiel mir in einer Zeitung ein großes Foto von Thomas und Katia Mann auf.
Weil sich das Bild über zwei Seiten erstreckte, sah ich zunächst nur den unteren Teil. Erst nach dem Umblättern wurde das ganze Foto sichtbar.
Doch da hatte ich meine Geschichte längst gefunden.
Eigentlich hatte ich den Artikel wegen seiner Gedanken über die Rolle der Frau aufgehoben. Doch als ich das Foto später noch einmal betrachtete, interessierte mich etwas ganz anderes.
Nun liegt er da, halber Artikel, halbes Bild.
Sofort musste ich an ein Spiel aus meiner Kindheit denken.
Ein Blatt wurde mehrfach gefaltet. Einer zeichnete den Kopf, der nächste den Oberkörper, der dritte die Beine.
Erst am Ende wurde das Blatt geöffnet.
Die Figuren passten selten zusammen – und gerade deshalb waren sie so komisch.
Ich habe vor solche Bilder zu malen, so ein paar hintereinander.
Aber nun zur Fotografie.
Da steht die linke Figur, Katia Mann, da, stämmig, fast breitbeinig, jedenfalls bodenständig. Vorne. Er steht etwas hinter ihr, mit verschränkten Kleinmädchenbeinen. Blankgeputzte Schuhe mit Gamaschen.
Ich dachte zuerst: ein Mädchen in Hosen. Zierlicher als die Figur links.
Hätte ich nur diese Beine gesehen, hätte ich die Rollen vermutlich genau andersherum verteilt.
Zumindest erzählten mir diese Beine eine ganz andere Geschichte.
Manchmal genügt eine Körperhaltung, um einen Menschen anders zu sehen.
Als Malerin faszinieren mich genau diese Momente.
Nicht das Offensichtliche verändert unseren Blick, sondern oft ein kleines Detail.
Ein Ausschnitt, eine Haltung oder ein Paar Beine können genügen, um einen Menschen plötzlich ganz anders wahrzunehmen.
Katia und Thomas Mann © FAZ


