Was Samuel Beckett mich über die Lebendigkeit großer Werke gelehrt hat


Essay - Annette Kunow 2026


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Zwei Männer 1985 - C048


Samuel Becketts „Warten auf Godot“ gehört zu den bedeutendsten Theaterstücken des 20. Jahrhunderts.

Als ich von der neuen Interpretation von „Warten auf Godot“ las, musste ich sofort an die Kraft großer Kunstwerke denken.

Sie verändern sich nicht – und doch verändern sie sich.

Nicht, weil der Text ein anderer wird, sondern weil wir ihn mit neuen Erfahrungen und neuem Wissen lesen.

Samuel Beckett schuf mit seinem 1953 uraufgeführten Theaterstück eines der bedeutendsten Werke des 20. Jahrhunderts. Über Jahrzehnte galt es als Sinnbild des absurden Theaters.

Nun stellt der französische Theaterhistoriker Valentin Temkine eine Deutung vor, die den historischen Hintergrund des Stücks in den Mittelpunkt rückt.


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Wir beide 1993 - H085



Seit über vier Jahrzehnten wurde "Warten auf Godot" als ein Spiel ohne Ort und Zeit gesehen. Die beiden Hauptfiguren, Vladimir und Estragon, warten in einer unbestimmten Umgebung auf eine Figur namens Godot, der nie erscheint.

Ihre Gespräche, ihre Handlungen und ihre Verzweiflung wurden oft als Metapher für die Absurdität des menschlichen Daseins interpretiert.

In der Theorie von Valentin Temkine geht es nicht mehr nur um die Frage, was das Warten auf Godot bedeutet, sondern auch um die konkreten historischen Umstände.

Mich beschäftigt weniger die Frage, ob Temkines Interpretation die einzig richtige ist. Interessant finde ich, wie sich ein Kunstwerk Jahrzehnte später noch einmal völlig neu lesen lässt.

Der historische Hintergrund Becketts könnte eine weitere Ebene der Interpretation von „Warten auf Godot“ eröffnen, die über die bisher angenommenen metaphysischen und existenziellen Themen hinausgeht.

Als Künstlerin würde ich das bejahen. Jeder Mensch betrachtet ein Werk aus dem heraus, was er erlebt, gelesen und erfahren hat. Vielleicht macht gerade das die Vielfalt möglicher Deutungen aus.

Gleichzeitig bleibt für mich eine andere Frage offen: Was wollte Beckett selbst ausdrücken? Vielleicht lässt sich diese Frage gar nicht endgültig beantworten. Mich erinnert sie an einen Gedanken des Malers Antoni Tàpies:

"Der Sinn eines Werkes beruht auf der möglichen Mitarbeit des Betrachters. Es ist immer auf den mehr oder weniger vorbereiteten Geist dessen angewiesen, der es ansieht und darüber nachdenkt. Wer ohne innere Bilder lebt, ohne Imagination und ohne die Sensibilität, die man braucht, um im eigenen Inneren Gedanken und Gefühle zu assoziieren, wird gar nichts sehen."


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Duetto - Poetische Miniatur 2025 - H1288


Ob sich diese neue Sichtweise in zukünftigen Inszenierungen widerspiegeln wird, bleibt abzuwarten.

Sicher ist für mich jedoch: Sie eröffnet einen neuen Blick auf ein Werk, das über Jahrzehnte vor allem als Sinnbild des absurden Theaters gelesen wurde.

Das erweitert nicht nur unser Verständnis für dieses spezielle Stück, sondern könnte auch weitreichende Implikationen für die Interpretation von Theater und Literatur im Allgemeinen haben.

Als Malerin beschäftigt mich genau das. Ein Bild, ein Theaterstück oder ein Gedicht ist nie endgültig abgeschlossen. Es verändert sich mit jedem Menschen, der es betrachtet.

Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Lebendigkeit der Kunst: Sie wächst nicht nur durch neue Werke, sondern auch durch neue Blicke auf das, was längst geschaffen wurde.


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Samuel Beckett © Wikipedia