Was ich als Malerin von Michelangelo gelernt habe
Essay - Annette Kunow 2026
Was ich als Malerin von Michelangelo gelernt habe
Essay – Annette Kunow, 2026
Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Besuch in der Sixtinischen Kapelle.
Natürlich kannte ich Michelangelo aus Büchern. Aber kein Buch bereitet darauf vor, was geschieht, wenn man unter dieser Decke steht.
Mich beeindruckte weniger die Größe.
Mich faszinierte etwas anderes.
Die Gesichter.
Die verängstigten Augen.
Die erstaunten Münder.
Die Körper, die nicht idealisiert wirken, sondern voller Spannung sind.
Noch heute frage ich mich, wie Michelangelo sich diese Figuren vorstellen konnte. Wie konnte ein Mensch eine Decke in dieser Höhe so entwerfen, dass sie vom Boden aus selbstverständlich wirkt?
Das ist weit mehr als handwerkliches Können.
Vielleicht beginnt Kunst genau dort – lange bevor der erste Pinselstrich gesetzt wird.
Sixtinische Kapelle-Das jüngste-Gericht ©Wikepedia
Als Malerin beschäftige ich mich ebenfalls mit Menschen. Nicht mit ihrer äußeren Schönheit, sondern mit dem, was sie empfinden. Deshalb berührt mich Michelangelo bis heute.
Seine Figuren erzählen keine perfekte Geschichte. Sie erzählen vom Menschsein.
Seit vielen Jahren male ich Menschen. Vielleicht fallen mir deshalb zuerst die Gesichter auf. Nicht die Anatomie oder die Perfektion. Sondern der Ausdruck.
Sixtinische-Kapelle
Für mich wirkt Michelangelo bis heute modern.
Jedes Mal, wenn ich Michelangelo begegne, denke ich daran, dass große Kunst nicht altert. Sie verändert nicht sich selbst. Sie verändert den Menschen, der sie betrachtet.
Vielleicht ist genau das ihre Aufgabe.
Deshalb beschäftigt mich Michelangelo bis heute.



