Skurrile Figuren des Alltags
WAZ-Artikel zur Kunst-Ausstellung der WAZ-Galerie, Essen von Jochem Schumann 1996
Mit Bildern, Gedichten und einer persönlichen Nachbemerkung von Annette Kunow (2026).
WAZ-Galerie 1996
1996 war die Ausstellung in der WAZ-Galerie in Essen eine wichtige Station auf meinem künstlerischen Weg. Erst zwei Jahre zuvor hatte ich begonnen, meine Arbeiten öffentlich zu zeigen. Umso mehr freue ich mich heute, diesen Zeitungsartikel noch einmal zu lesen.
Heute würde ich manches anders formulieren. Damals sagte ich oft, Malen sei eine Art Therapie. Heute sehe ich die Kunst eher als eine Möglichkeit, Erfahrungen sichtbar zu machen und Fragen zu stellen – für mich und für die Betrachter.
Annette Kunows Bilder erzählen von Angst und Leidenschaft
Skurrile Figuren, verdrehte Leiber, scheinbar hingepinselte Flächen und Konturen: Annette Kunows Arbeiten, die bis zum 24. Mai in der WAZ-Galerie zu sehen sind, wirken unprätentiös, spiegeln aber exakt die Befindlichkeit der Künstlerin beim Schaffensprozess wider.
So sagt denn die Malerin auch: "Ich male alles das, was mir täglich so passiert. In meinen Bildern finden sich Personen und Situationen wieder, Betroffenheit, Leiden oder Ironie." Malen als Therapie? Annette Kunow, die 1953 in Berlin geboren wurde nach mehreren Zwischenstationen seit 1991 in Essen lebt: "Malen, beziehungsweise die Beschäftigung mit Kunst ist immer eine Art von Therapie."
WAZ-Galerie 1996
Mit meist kräftigen, komplementären Farben, nervösen, mitunter krakeligen Linien inszeniert sie ihre ihrer klein-wie großformatigen Bilder zu menschlichen Situationen der Angst, der Leere, der Leidenschaft, der Unausgefülltheit. Zwar abstrahiert Annette Kunow durchweg ihre Gestalten, verlässt aber die Realität nie in Richtung der gegenstandslosen Malerei.
Mittelpunkt ihres Schaffens sind Körper und Gesichter, die sinnlich und transparent zugleich den Betrachter suggestiv in ihren Bann ziehen. Die Darstellungen wirkten prall und entziehen sich doch wieder der völligen Vereinnahmung. Dabei wahrt Annette Kunow stets die Balance der Kompositionen, beweist Sicherheit im Geflecht der Proportionen.
WAZ-Galerie 1996
Die Malerin ist Autodidaktin. Sie absolvierte in Stuttgart ein Bauingenieurstudium, ist Professorin an der Fachhochschule in Bochum und besitzt eine Firma für Ingenieurberatung. Seit 1975 beschäftigt sie sich intensiv mit der Malerei, besuchte mehrere Workshops, ehe sie vor zwei Jahren erstmals mit einer Ausstellung an die Öffentlichkeit ging.
Der begegnet Annette Kunow seitdem mit selten zu findendem künstlerischen Erwachsensein und gestandener Gestaltungskraft.
WAZ-Galerie 1996
In den 90er-Jahren war die Frage „Malen als Therapie?“ fast selbstverständlich. Heute werde ich häufiger gefragt, warum meine Bilder Geschichten erzählen oder wie sie entstehen. Auch das zeigt, wie sich der Blick auf Kunst im Laufe der Zeit verändert hat.





