Figuration von vier Frauen


Zu den Arbeiten von Johanna Koch, Annette Kunow, Kirsten Lampert und Gonnie van Nellestijn


Eröffnungsrede von Dr. Kornelia Möhlig zur Ausstellung „Figuration von vier Frauen“ in der Galerie Peveling, Olpe (1996).

Mit Werken von Johanna Koch, Annette Kunow, Kirsten Lampert und Gonnie van Nellestijn sowie einer persönlichen Nachbemerkung von Annette Kunow (2026).


zwischen Abstraktem und Figürlichem befinden. Aufgrund des Farbkolorits sprühen die Kompositionen vor Vitalität und erinnern an expressionistische Malerei.
Gonnie van Nellestijn sucht mit ihren Bildern nach einer Integration von
Kunst und Leben.

Galerie Peveling 1996

Die folgende Abschrift wird zur besseren Lesbarkeit alphabetisch nach den Namen der Künstlerinnen geordnet. Der Inhalt entspricht der Eröffnungsrede von Dr. Kornelia Möhlig aus dem Jahr 1996.


Die Ausstellung trägt den poetischen Titel "Figuration von vier Frauen“. Wie durch die Alliteration verknüpften Worte verbindet die figurative Malerei die vier Künstlerinnen. Darunter ist im Gegensatz zur abstrakten Kunst eine gegenstandsbezogene Darstellungsweise gemeint.

Warum gerade Vier? Weil Dagmar Peveling nicht für halbe Sachen ist. Denn die Vier symbolisiert die Ganzheit. Auf die Künstlerinnen bezogen, hebt diese Zahl ihre unterschiedlichen Temperamente hervor.

Und tatsächlich sieht sich der Betrachter vollkommen unterschiedlichen Bildergebnissen gegenüber.

Mir erscheinen die persönlich geprägten Bildwelten aufgrund der verschiedenen Positionen fast wie ein Gang durch die Geschichte der Malerei:

Die Figuren von Johanna Koch erinnern mit ihrem zeichenhaften Charakter an archaisch-mystische Gestalten aus Vorzeiten.

Eine oft verwendete Kompositionsform von Kirsten Lampert ist einem Schmuckelement des Barock entlehnt.

Annette Kunow erzählt in ihren Bildern mit einfachen Stilmitteln zeitgenössische Geschichten.

Und mit ihrem spontanen Malprozess macht Gonnie van Nellestijn die Malerei selbst zum Thema.


Johanna Koch

Feinen Sand als Gestaltungsmittel ihrer Bilder zu verwenden, entwickelte Johanna Koch während eines Strandurlaubs. Aus mehreren Sand-Schichten kratzt sie Figuren und Binnenlinien heraus. Auf weißlichem Grund entstehen einfarbige Gestalten, was an antike Vasenbilder erinnert. Wie bei diesen fehlen räumliche Angaben, so daß der Eindruck von zeitlosen Darstellungen erweckt wird.

Die menschlichen Gestalten füllen die gesamte Bildfläche. Sie sind frontal angeordnet wirken flächig. Ein Merkmal der Figuren ist ihre Nacktheit, die hier Ursprünglichkeit und Natürlichkeit zum Ausdruck bringt. Charakteristisch für sie sind ihre langgestreckten Körper. Dadurch entsteht die Vorstellung von Geistwesen.

In ihrer Einfachheit scheinen sie dem Betrachter die Botschaft zu übermitteln, nach Klarheit und Weisheit zu suchen.

Die Stellung, in der sich die Wesen zeigen, ist stehend, tanzend oder schwebend. Sie sind in Erdgebundenheit, aber auch in Überwindung physischer Existenz dargestellt. Die Figuren können also als Chiffren für etwas Anderes gelesen werden.

Aufgrund der Vereinfachung der Formen und der Reduzierung des Kolorits erreicht Johanna Koch eine Konzentration auf Wesentliches, wie ich meine, auf den Dualismus der Welt. Es stehen sich Wesenhaftes und Symbolisches, Geistiges und Körperliches gegenüber.


Annette Kunow

Seit ihrer Kindheit begleiten Annette Kunow Zeichnungen als Zwiegespräch. Längst hat sich der Bogen ihrer künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten weiter gespannt, doch die Zwiesprache ist geblieben.

Die Arbeiten beschäftigen sich ausschließlich mit dem Thema Mensch. Annette Kunow ist es in ein Anliegen, auf die Verletzbarkeit der Seele hinzuweisen. Dies manifestiert sich in ihren Bildern durch farbige, vibrierende, gebrochene und durchscheinende Flächen.

Die Kompositionen werden von vielen Individuen bevölkert, bei denen besonders Augen und Mund hervorgehoben sind. Sie verleihen den Gesichtern einen spezifischen mimischen und seelischen Ausdruck.

Durch die Staffelung der Figuren entsteht eine Bühne: es wird eine Geschichte erzählt. Der Betrachter kann den Titel zur Hilfe nehmen oder selbst in die Rolle des Regisseurs schlüpfen. Das Dargestellte stellt sich auf ihn ein.


Kirsten Lampert

Ihren Motivreichtum schöpft Kirsten Lampert aus unterschiedlichen Quellen. Wie in einem Kaleidoskop tauchen in ihren Arbeiten Figuren und Details auf, die aus ihrer durch Märchen und Sagen geprägten Fantasie und aus den Bild­welten mittelalterlicher Fresken aus Italien entstanden sind. Hinzu kommen eigene Erlebnisse.

Daraus entsteht ein poetisches Spiel, das sich aus unterschiedlichen Zeiten und Orten, aus Realem und Unwirklichem zusammensetzt . Ihre Arbeiten charakterisieren Erzählfreude und eine starke Bildhaftigkeit.

Als Kompositionsschema hinterlegt die Künstlerin ihren Bildern oftmals die Kartusche, ein beliebtes Schmuckelement der Barockzeit. Auf ihre Gemälde übertragen bedeutet das, dass sich ihre Figuren am Bildrand entlang um eine "freie" Fläche in der Mitte bewegen. Außerdem greift sie gerne auf friesartige Kompositionen zurück.

Kirsten Lampert entwickelt ihre Werke aus verschiedenen Bildebenen wie unterschiedliche Erzähl-"Schichten".

Die Farben setzt die Künstlerin nicht in der Weise ein, wie wir es gewohnt sind. Zwar kennzeichnen sie den Gegenstand, doch sagen sie nichts über seine Materialität aus. Die Künstlerin bezeichnet demzufolge nicht unsere physische Welt. Vielmehr fühlen wir uns in eine traumgleiche Bildwelt versetzt. Denn ohne Schatten strahlen die Farben gleichmäßiges Licht und Helligkeit aus.


Gonnie van Nellestijn

Gonnie van Nellestijn schöpft ihre Bildfindungen vollkommen aus sich heraus. Sie horcht in sich hinein und der Malprozess erfolgt dann aus spontaner Intuition. Auf diese Weise entstehen Flächen, die sich im Laufe der Zeit zu Gegenständen und Figuren formieren. Mit dunkleren Farben zieht die Künstlerin Linien über Farbflächen, die Gegenständliches hervorheben und der Komposition einen Halt geben.

Bei der Darstellung menschlicher Figuren achtet die Künstlerin weniger auf die Ausarbeitung des Körpers. Mehr Wert legt Gonnie van Nellestijn auf den Kopf als individuellen Ausdrucksträger.

Der Reiz ihrer Bilder besteht nach meiner Meinung in der Suche des Auges nach gegenständlichen Motiven, da sich die Arbeiten in einem Schwebezustand zwischen Abstraktem und Figürlichem befinden. Aufgrund des Farbkolorits sprühen die Kompositionen vor Vitalität und erinnern an expressionistische Malerei.

Gonnie van Nellestijn sucht mit ihren Bildern nach einer Integration von Kunst und Leben.


Ich möchte mit einem Zitat (Worringer, 1912) schließen, das meiner Ansicht nach auf die vorliegenden künstlerischen Arbeiten zutrifft:


"Künstlerisches Schaffen heißt, dem Leben und seiner Willkür ausweichen, heißt ein festes Jenseits der Erscheinungen anschaulich fixieren."


Nun wünsche ich Ihnen noch viel Vergnügen mit den "Figurationen der vier Frauen".


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Figuration von vier Frauen; von links nach rechts: Gonnie van Nellestijn, Johanna Koch, Dagmar Peveling, Annette Kunow, Kornelia Möhlig, Kirsten Lampert 1996


Diese Ausstellung ist mir bis heute in Erinnerung geblieben.

Vier Künstlerinnen mit sehr unterschiedlichen Handschriften wurden nicht über Gemeinsamkeiten, sondern über ihre Eigenständigkeit miteinander verbunden. Kornelia Möhlig gelang es, diese Unterschiede präzise zu beschreiben, ohne sie zu bewerten.

Besonders freue ich mich heute darüber, dass sie meine Arbeiten nicht auf ihre Technik reduzierte, sondern ihren erzählerischen Charakter erkannte. Ihre Beschreibung, der Betrachter könne selbst „in die Rolle des Regisseurs schlüpfen“, begleitet meine Arbeit bis heute.

Beim erneuten Lesen fiel mir außerdem auf, wie konsequent sich ein Thema durch mein gesamtes Werk zieht: der Mensch.

Die Ausstellung „Figuration von vier Frauen“ fand 1996 in der Galerie Peveling in Olpe statt. Sie vereinte Arbeiten von Johanna Koch, Annette Kunow, Kirsten Lampert und Gonnie van Nellestijn.