Der Anfang eines Romans – Kloster Irsee 2002
Diesen Text schrieb ich 2002 während meines Workshops mit dem Schriftsteller Peter Renz beim Schwäbischen Kunstsommer in Kloster Irsee.
Beim Abschlussfest las ich ihn öffentlich vor. Er sollte der Anfang eines Romans werden. Der Roman wurde nie fertig. Das Leben kam dazwischen.
Etwas aufgedreht, aber guter Dinge komme ich nach einigen Stunden Fahrt aus Trieffenstein mit einem Packen Zeichnungen in München an.
„Gut siehst Du aus.“
Nach zwei Wochen Freiem Zeichnen im Sonnenschein bin ich braungebrannt und strahlend. Ich habe mich sichtlich erholt.
Aber es ist wohl auch ein inneres Strahlen.
Hendrik hat mich schon erwartet und hilft mir, die ganzen Papiere, Eimer mit Farben und Pinseln und die Koffer vom Aufzug durch den schmalen Flur zu tragen.
Der linke Bereich der Wohnung leuchtet in der Nachmittagssonne. Mit Freude begrüße ich meine Aquarelle an der rechten Wand. Weiter durch nach rechts in mein Zimmer. Wir legen die Sachen auf das grüne Sideboard und auf den alten Teakschreibtisch.
Das Zimmer liegt schon im Schatten, aber im Innenhof scheint noch die Sonne.
Der Schreibtisch ist meine kleine Heimat. Er hat mich schon durch so viele Orte begleitet. Auf ihm schreibe ich über Glück und Leiden, male ich und träume meine Zukunft.
Beim Herausgehen fällt mein Blick auf den runden Pinientisch, den wir in Aschaffenburg gekauft haben. Hier steht er leider gefangen zwischen Sofa und Wand, dicht am spanischen Brotschrank.
Sofort sehe ich mich dort in Düsseldorf sitzen. Gegenüber ist ein Laubwald mit seinen täglichen Neuigkeiten. Das ist mein Ort, an dem ich schreibe, dort sitze ich stundenlang bei einer Tasse Tee.
Hendrik freut sich mit mir, dass es ein gelungener Aufenthalt war. Wie er sich den auch immer vorstellt. Ich jedenfalls umschiffe den Teil der Erzählung geschickt, der mit Paul, dem Workshopleiter, zu tun hat.
Wir sitzen inzwischen bei einem Weizenbier im Gartenlokal und warten auf das Essen.
Hendrik durchlebt die wichtige Präsentation bei einem Großkunden in der letzten Woche noch einmal und beschreibt seinen Erfolg.
„Ich habe schon versucht, Dich abends anzurufen, aber sie haben mir gesagt, sie legen Dir einen Zettel hin.“
Ich nicke dazu.
Ich habe all diese Zettel morgens neben meiner Bettlektüre auf dem Nachttischchen gefunden. Kleine Nachrichten aus einer anderen Welt, die mich plötzlich nicht mehr interessiert.
Wir haben gerne den Luxus des Hotels zum Duschen und Umziehen in Anspruch genommen, nachdem wir die Nacht auf der bequemen Liegefläche von Pauls umgebautem schwarzen Chevrolet im Wald hoch über Trieffenstein unter der Beschwörung von Percy Sledge, „When a Man Loves a Woman“, verbracht haben.
Ich sehe Paul klitschnass vor mir unter der Dusche, wild gestikulierend, die blonden Locken kleben an seinem Kopf und den Schultern. Seltsam fremd noch und doch vertraut.
Sein meckerndes Lachen reißt mich voller Energie, voller Euphorie wieder ins Leben.
Schnell wische ich das Bild wieder weg, als die Kellnerin das Bestellte bringt.
Wir essen schweigend.
Nach fast zehn Jahren wird in einer Ehe nicht mehr pausenlos geredet. Es fällt zwar hin und wieder eine Bemerkung, um etwas Vergessenes nachzutragen. Etwas, was noch dringend hinzugefügt werden muss, wenn das Bild noch einmal durch den Kopf geht.
Es sind Wortfetzen zur Verständigung.
Viel Appetit habe ich nicht und schiebe den halbleeren Teller zur Seite. Schweigend beobachte ich die anderen Gäste im Lokal, die lautstark, teilweise mit vollem Mund, miteinander reden und lachen.
Neben uns am Tisch sitzt eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern in Hochstühlchen. Die Mutter versucht die Raubtierfütterung des Kleineren, immer wieder einen entschuldigenden Blick zu uns hinüberwerfend, während der Vater versucht, das Ältere zu bändigen – ohne hörbaren Erfolg.
Hendrik isst und trinkt in sich gekehrt.
Was er denkt, interessiert mich schon lange nicht mehr. Es handelt sich mit Sicherheit um seine Arbeit.
Das Wichtigste zwischen uns ist gesagt.
Es folgt ein mehr oder weniger belastendes Schweigen, an das ich gewöhnt bin, zu dem ich mich aber zunehmend auch zwinge.
Ich könnte überlaufen, erzählen, was alles mit mir dort geschehen ist, aber wir reden schon lange nicht mehr über unsere Gefühle. Nur noch das äußere Geschehen wird berichtet.
Versuche, uns näherzukommen, werden mal von ihm, mal von mir blockiert.
„Das, was Du da gemalt hast, ist aber ganz anders als vorher.“
Dass er das merkt!
Ich fühle mich ertappt.
Ja, ich habe mich verändert, nicht nur äußerlich. Auch in der Malerei.
Trotzig verweigere ich jegliche Antwort, tue so, als hätte ich es nicht gehört, lasse es einfach im Raum stehen.
Wieder eine Pause.
Hendriks Blick bleibt auch bei der Familie hängen. Die Kinder werden immer unruhiger und quengeliger und übertönen mit ihrem Geschrei das ganze Lokal.
„Schade, dass ich keine Erben habe.“
Ach ja, das Thema kenne ich doch.
Wieder mal Kinder.
„Was meinst Du?“
Ich will ihm nicht helfen.
„Na, keine Kinder, denen ich etwas beibringen könnte.“
Etwas gereizt antworte ich: „Du hast doch Deine Nichten. Um die kannst Du Dich doch kümmern.“
Er hat noch nie etwas mit der fast sechsjährigen Theresa und der eineinhalbjährigen Julia unternommen oder mit ihnen gespielt. Wenn, dann bin ich es.
„Nein, ich meine Jungs, denen ich meine Managementfähigkeiten beibringen kann.“
Ach, nicht schon wieder.
Eine Woche ohne Vorwürfe, dass wir noch keine Kinder haben, hat mir gutgetan. Ich habe es fast vergessen.
Plötzlich überkommt mich eine jähe Wut. Ich fühle sie richtig vom Beckenboden lustvoll aufsteigen.
Was hat Hendrik in all den Jahren von mir wahrgenommen?
Meinen Job, meine Existenzangst, meinen Kampf ums Überleben bei Makromann und jetzt hier bei CCB.
Es hat mich krank gemacht, an die Grenzen getrieben, und er ignoriert es.
Er ignoriert es wirklich.
Es ist nicht zu fassen.
Ich versuche noch wie gewohnt, die Faust in der Tasche zu ballen und zu schweigen. Seit Jahren vermeide ich diese sinnlosen Wortgefechte.
Aber jetzt platzt mir der Kragen.
Ich kann es nicht mehr.
Ich will es nicht mehr.
Plötzlich ist mir klar, dass der Augenblick gekommen ist, es zu sagen.
Jetzt.
Ich habe es gar nicht vor. Nicht wegen Julian, nicht wegen Paul. Es geht doch ganz gut so.
Es redet wie von alleine. Ich bin nur noch Beobachterin.
Ganz ruhig sagt es, etwas zu ihm gebeugt, um nicht vom Nachbartisch gehört zu werden:
„Ich habe seit zwei Jahren ein Verhältnis. Ich werde so nicht weitermachen. Ich verlasse Dich.“
Es ist raus.
Eine Pause.
Hendrik schaut mich ungläubig an.
Nein, diesmal nicht von oben herab, nicht gelangweilt. Aber auch nicht lächelnd. Dazu hat er schon zu viel mit mir erlebt.
„Wer?“
Er bleibt in seiner Sitzposition. Die Beine weit von sich gestreckt, nahezu liegend.
Ich schüttle den Kopf.
„Das tut nichts zur Sache.“
„Wer?“
Seine Stimme wird eindringlicher, aber nicht laut.
Er beschwört mich.
Es ist ein Verhör.
„Wer?“
Tonlos, nach einer Weile:
„Julian.“
Er reißt die Augen auf, schnellt mit seinem Körper hoch und haut mit der flachen Hand auf den Tisch.
„Ich bring den um! Ich bring den Kerl um!“
Die Weizenbiergläser tanzen. Alles starrt uns an, voller Erwartung, was jetzt folgt.
Immer noch ganz ruhig, ein wenig erschöpft, beobachte ich ihn.
Ich hätte gar nicht geglaubt, dass so viel Leben in ihm steckt. So viel Temperament hinter der beherrschten Fassade, die mich so manches Mal mit ihrem Desinteresse, ihrem gelangweilten Zuhören auf Hundertachtzig gebracht hat.
Ich beobachte, wie Hendrik in Sekundenbruchteilen das Gehörte zu verstehen versucht.
Er hätte sich auch an die Stirn schlagen können, wenn er nicht sofort wieder seine Beherrschung zurückgewonnen hätte.
Er murmelt jetzt leise vor sich hin:
„Julian! Ich hätte darauf kommen müssen.“
Ruhig, nicht überlegen, befreit, entscheide ich, ihm nicht mitzuteilen, dass ich gestern auch mit Julian Schluss gemacht habe.
Annette Kunow, Kloster Irsee 2002
